Was ist regenerativer Tourismus? Eine Einführung

  • Im Zentrum des regenerativen Verständnisses steht eine ganzheitliche und systemische[5] Weltanschauung. Unter Weltanschauung wird die Gesamtheit der persönlichen Werte, Vorstellungen und Sichtweisen verstanden, die unsere Wahrnehmung der Realität definieren. Diese bestimmen unsere Deutung der Welt, die Rolle, die wir darin spielen, sowie unsere Sicht auf die Gesellschaft und teilweise auch den Sinn des Lebens. Unsere individuelle und kollektive Weltanschauung wird geprägt durch unsere Werte, Kultur, Erziehung, Bildung und alle Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens machen. Das heisst auch, dass sich die Weltanschauung mit der Entwicklung der Gesellschaft laufend verändert. Besonders tiefgreifende Veränderungen in der neueren Menschheitsgeschichte waren die Renaissance um das 15. Jahrhundert und die Aufklärung um das 18. Jahrhundert. Vor allem die Veränderungen der Aufklärung bestimmen noch heute unsere rationelle und mechanische Denkweise, deren Auswirkungen man jetzt vor allem in der Entfremdung von Mensch und Natur beobachten kann. Noch unsere Ur-Grosseltern lebten viel mehr im Einklang mit der Natur, da sie dieser noch stärker ausgesetzt und vor allem in der Nahrungsversorgung von ihr abhängig waren.
  • Eine regenerative Denkweise lädt uns ein, hoffnungsvolle Szenarien der Zukunft zu zeichnen. Auch wenn diese vielleicht utopisch erscheinen, so motivieren sie doch deutlich mehr als die Schreckensszenarien, die heute oft im Rahmen der Klimadebatte beschworen werden. Wir sind also eingeladen zu träumen und Fragen zu stellen: Fragen zu unserer Zukunft, wie wir leben wollen, was uns wirklich am Herzen liegt und was wir gerne verändern würden. Auf diese Fragen braucht es aber keine abschliessende Antwort, denn es ist wichtig, auch über längere Zeit mit einer Frage leben zu können und quasi die Ungewissheit als Bereicherung zu empfinden.
  • Der regenerative Ansatz kann als Einladung zu einer tiefgreifenden Veränderung verstanden werden, welche uns auffordert, anders zu denken, Neues zu lernen, aber dabei auch Freude zu empfinden. Veränderung lässt sich besser meistern mit einer Portion Leichtigkeit und Humor; sie benötigt gleichzeitig auch Mut. Die Veränderung fängt dabei bei uns selber an. Es ist quasi ein inneres Change-Management das man anstösst, welches sich dann auf das Aussen, sprich das berufliche Umfeld, überträgt.
  • Der regenerative Ansatz verkörpert eine Denkweise, welche überraschende Lösungsansätze fördern kann, jedoch keine universellen Standardlösungen bietet. Es ist eine Entwicklung weg von ´Best Practice´ hin zu ´Better Practice´. Das bedeutet, dass Prozesse flexibler und dynamischer werden müssen und somit standardisierte Abläufe in vielen Bereichen ablösen werden. Dies ist schwierig zu akzeptieren in einer Gesellschaft, wo schnelle und vor allem planbare Lösungen mit einem vorhersehbaren Resultat bevorzugt werden. Regenerative Lösungen zeichnen sich auch durch ihre Anpassung an den lokalen Kontext aus und dadurch, dass sie die Komplexität verschiedener Perspektiven miteinbeziehen. Man versucht folglich, immer mit dem örtlichen Potential zu arbeiten und eine Diversität an Ansichten zu berücksichtigen: Die kollektive Intelligenz ist der zentralisierten und hierarchischen Entscheidungsfindung meistens überlegen. Es ist also eine Einladung, sich auf ein Experiment einzulassen, zu versuchen, aus angestammten Verhaltensmustern auszubrechen und neue Wege zu beschreiten.
  • Kollaboration ist ein weiterer Grundstein des regenerativen Erfolgs. Komplexität kann gemeinsam besser begegnet werden; man wird resilienter, sprich widerstandsfähiger gegenüber einschneidenden Marktveränderungen. Vor allem in einer vielschichtigen Industrie wie dem Tourismus sind gute Beziehungen in der Horizontalen (unter Mitbewerbern) und Vertikalen (mit Lieferanten, Wiederverkäufern) in Zukunft überlebenswichtig. Gemeinsames Handeln bietet mehr Möglichkeiten, um Neues auszuprobieren. In einer schnelllebigen Welt ist es effektiver, eine Idee zu testen und zu schauen, was passiert, als lange und sorgfältig zu planen. Nicht nur in der Start-up- und Tech-Industrie ist das ´Rapid Prototyping´ schon lange ein Begriff. Dabei ist es aber sehr wichtig, offen zu bleiben für unerwartete Erkenntnisse oder auch unangenehme Feedbacks. Oft werden bei zu ausführlichem Planen, oder wenn ein Ziel zu genau vordefiniert ist, potentiell spannende Überraschungen ausgeschlossen.
  • Damit Kollaboration auch effizient funktioniert, braucht es einen transparenten und offenen Austausch von Informationen und Daten. Dazu liefert uns die Technologie heutzutage nützliche Tools. Wieso also nicht auch hier Lösungen schaffen, von denen alle profitieren können? Trotz der digitalen Möglichkeiten ist in einer regenerativen Arbeitsweise der persönliche Austausch nicht zu ersetzen, vor allem, wenn partizipative Formate genutzt werden, bei denen alle Stimmen Gehör finden. Werden Projekt- oder Gruppenprozesse partizipativ organisiert ist vielleicht der anfängliche Aufwand grösser, jedoch ist das Erlebnis für alle Teilnehmenden viel befriedigender und die Resultate werden dann eher von allen mitgetragen und langfristig unterstützt.
  • Die menschliche Beziehung und Begegnung ist ein Grundpfeiler der Regeneration und gleichzeitig auch die Essenz der Gastfreundschaft. Dass diese mit dem Massentourismus, vermehrt in den Hintergrund gerückt ist, ist bekannt. Gleichzeitig würden sich wohl alle im Tourismus arbeitenden Personen wünschen, mehr Zeit für ihre Gäste zu haben. Der oft befürchtete Verlust von Arbeitsplätzen, bedingt durch Automatisierung und künstliche Intelligenz, wird klassische Gastgeberberufe relativ wenig betreffen. Wenn man sich die vielzitierte Liste des WEF mit den ´Top 15 Skills for 2025´[8] anschaut, wird klar, dass fast die Hälfte davon typische Gastgeber- und Dienstleistungsfähigkeiten sind (z.B. Service Orientierung, Flexibilität, Troubleshooting und Kunden Erfahrung, Kreativität und Originalität). Es lohnt sich also, sich auf klassische Gasgeberqualitäten zu besinnen, denn so können Lebensqualität und Lebensfreude vermittelt werden.
  • Gleichzeitig dürfen aber die Arbeitsbedingungen in der Branche nicht vergessen werden, diese können auch ohne Lohnerhöhungen attraktiver gestaltet werden. Eine regenerative Personalpolitik kann viel zur Verbesserung des Arbeitsklimas beitragen, indem sie die Angestellten in einer ganzheitlichen Betrachtungsweise nicht nur als Ressourcen wahrnimmt. Die meisten der oben erwähnten Skills brauchen keine akademische Ausbildung, sondern emotionale Intelligenz und diese kann trainiert werden. Somit ist die Sensibilisierung und Beteiligung der Angestellten ein wichtiger Punkt.
  • Auch den sich verändernden Gästebedürfnissen muss Rechnung getragen werden, denn für die Generation Y und vor allem für die Generation Z ist Nachhaltigkeit eine Priorität, vor allem beim Kaufentscheid. Die Generation Z ist mit weltweit über 30% Bevölkerungsanteil die wichtigste Gruppe und stellt zusammen mit der Generation Y 62% der Weltbevölkerung! Diese Generationen haben vermehrt ein anderes Verständnis darüber, was eine tolle Reiseerfahrung ausmacht und was sie erleben wollen. Sie sind zwar mit Hi-Tech aufgewachsen, wollen aber zusätzlich Hi-Touch-Erlebnisse, also solche, die auch emotional berühren. Dabei ist die aktive Mitgestaltung ein wichtiger Teil. Eine Generation, die mit den Prinzipien der ´Sharing-Economy´ aufwächst, will nicht nur bedient werden, sondern selber Teil der ´Experience´ sein. Dafür müssen aber passende Formate und Räume geschaffen werden. Es gilt, auch die Destination und die Bevölkerung einzubeziehen und innovative Kooperationen zu schaffen.
  • In der Schweiz hat sich das Toggenburg bereits dem ´Resonanz-Tourismus´ verschrieben, ein Konzept, welches der Regeneration in vielem sehr ähnlich ist, vor allem Punkto Gästeerlebnis. Da diese Generation auch mit einem neuen Verständnis von Konsum aufwächst, stossen hybride Geschäftsmodelle auf mehr Interesse. Eine Vermischung von klassischen Geschäftsfeldern, Lebensbereichen und gemischten Nutzungen von Infrastruktur oder kreativen Umnutzungen ist für sie natürlich und kein Widerspruch. Sie brauchen und gestalten neue Lebensräume[9], die interaktiv sind, Bestehendes neu kombinieren und Neues integrieren.
  • Der Tourismus hat eine wichtige Funktion an den Schnittstellen zwischen vielen anderen Industriezweigen. Obschon strukturell kleinteilig und hauptsächlich aus KMUs bestehend, entstehen entlang der typischen Wertschöpfungsketten viele Möglichkeiten, wo der Tourismus Einfluss nehmen und ein nachhaltigeres oder regeneratives Verhalten fördern kann (z.B. Transport, Bau von Infrastruktur, Energiegewinnung, Nahrungsmittelproduktion, etc.). Angelehnt an das Konzept der ‚Circular Economy’ (Zirkulärwirtschaft)[10] muss man sich bewusst sein, dass viele der Emissionen, die durch eine Übernachtung entstehen, externalisiert werden. Das bedeutet, dass sie vor, nach, oder zum Teil auch während des Aufenthalts passieren und nicht direkt vom Betrieb oder der Destination kompensiert werden. Es ist deshalb ein ganzheitliches Verständnis gefordert, welches die ganze Wertschöpfungskette berücksichtigt.
  • Lebensqualität hat mehr mit Gemeinwohl als mit materiellem Wohlstand zu tun; jedenfalls führt ein Fokus auf das Gemeinwohl eher zu mehr Wohlstand als umgekehrt. Um mehr Gemeinwohl zu schaffen hilft auch ein Zeithorizont, der auf längerfristige Ziele ausgerichtet ist: Bei Entscheidungen, die auf Kurzfristigkeit abzielen, wird oft das ´Big Picture´ vernachlässigt. Um eine längerfristige Strategie zu definieren, ist die Rolle der Destinationen, Tourismus-Marketingorganisationen und anderen touristischen Organen nicht zu unterschätzen. Sie können dort Hilfestellung bieten, wo es darum geht, unterstützende Strukturen für die einzelnen Betriebe zu schaffen.
  • Vor allem bei den jüngeren Generationen ist die Authentizität sehr wichtig, sei es in der Angebotsgestaltung als auch in der Kommunikation oder — wie man heute eher sagt — beim ´Storytelling´. Um wirklich authentisch wahrgenommen zu werden, müssen gewisse Werte vom ganzen Team getragen werden. Hier sind die Schulung und Sensibilisierung sehr wichtig. Nur wenn die Angestellten wirklich verstehen, warum sich der Betrieb auf eine gewisse Weise positioniert, können sie dies mittragen und glaubwürdig vermitteln. Möchte man an einer regenerativen Positionierung arbeiten, fängt man am besten bei einem Thema an, das einem selber am Herzen liegt und weitet dann den Wirkungskreis aus. Als Inspirationsquelle und als Hilfe zum Gewinnen einer Übersicht über die relevanten Wirkungsfelder können die 17 ‚Sustainable Development Goals’ (SDGs) der Vereinten Nationen als Inspiration benutzt werden[11].
© www.atma.life

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Working at the intersection of placemaking and social innovation -creating spaces that prototype a regenerative paradigm

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Martin Hohn

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